Wir sehen uns als Masters of Motion and Robotics

Interview

Manfred Stern – Seit der Neuordnung von Yaskawa in Europa vermischen sich die Bereiche Drives & Motion und Robotik. Manfred Stern leitet beide Divisionen und erzählt über den Anbruch einer neuen Ära.

16. Februar 2012

Herr Stern, vor einiger Zeit hat sich Yaskawa in Europa neu organisiert. Schildern Sie bitte, wie sich das in der Praxis bewährt hat.

Vor drei Jahren haben wir in Europa begonnen, mehr Direktvertrieb aufzubauen, was die Drives & Motion Division betrifft. Bis dato war Yaskawa im breiten Markt in einem Joint-Venture tätig und das heißt, wir hatten nicht direkt auf dem Markt agiert, sondern nur sehr große OEM adressiert und direkt mit denen gearbeitet.

Darum haben wir beschlossen, mehr auf den Markt zu gehen und haben mittlerweile für Yaskawa einen sehr beachtlichen Direktvertrieb aufgebaut. Wir haben die Anzahl der Vertriebsmitarbeiter erheblich ausgebaut, das bedeutet, der Großteil der Kollegen aus dem Vertrieb ist neu und war vor drei Jahren noch nicht im Unternehmen tätig. Das war eine Herausforderung.

Die zweite große Änderung hat letztes Jahr im Sommer stattgefunden. Bis dato waren die beiden Yaskawa-Bereiche Drives & Motion, der mit Antriebstechnik zu tun hat, und Motoman, der sich mit Robotik beschäftigt, völlig getrennte legale Einheiten. Aus diesen beiden getrennten Einheiten haben wir die Yaskawa Europe gemacht, mit zwei Divisionen, der Drives & Motion und der Robotics. Ich bin seit März dieses Jahres verantwortlich für beide Seiten.

Dies geschah auch unter dem Gedanken, dass die Robotik früher ein typisches End-User-Geschäft war mit den Hauptbranchen Automobil und Schweißtechnik, Drives & Motion beschäftigte sich dagegen mehr mit Verpackungstechnik, Textilmaschinen oder Aufzügen, also den typischen Maschinen- und Anlagenbauern. Wir sehen heute aber immer mehr, dass die Kundengruppen zusammenwachsen. Mit dem größeren Angebot auf Roboterseite wie Material Handling, Assembly oder Pick & Place stellen wir fest, dass die Kunden oftmals die gleichen sind.

Bei einer Anlage zum Beispiel, die Folie für Beutel abrollt, in die Lebensmittel verpackt werden, kann Yaskawa vom Abwickeln der Folien bis zum Palettieren des fertigen Produkts alles liefern – vom Servoantrieb über den Pick-&-Place-Roboter bis zum finalen Palettierroboter.

Sie haben sich also zum einem Systemanbieter entwickelt …

Sagen wir es so: Wir machen nicht primär das System, aber wir bieten alle Komponenten aufeinander abgestimmt an. Diese Systemkomponenten können dann vom Maschinenbauer oder Systemintegrator eingesetzt werden. Daraus ergibt sich eine große Synergie. Es gibt zwar die Divisionen noch, aber sie sind nicht mehr so getrennt wie früher, das Marketing zum Beispiel läuft über beide Bereiche.

Es gibt hier nicht mehr nur den Mitarbeiter, der auf die Antriebstechnik schaut oder nur auf die Robotik. Wir denken jetzt wie ein Kunde und schauen, was dieser von Yaskawa gebrauchen kann, und da können wir bereits gute Erfolge verbuchen. Wir bieten dem Kunden komplette Engineering-Leistungen an und beschränken uns nicht mehr nur auf die Komponenten wie Umrichter, Antriebe oder Roboter. So erhält er die optimale Lösung für seine Applikation. Hierin sehen wir einen Schlüssel für unseren zukünftigen Erfolg.

Ist der theoretische Gedanke also gut im Industriealltag angekommen?

Absolut. Es gibt zwar nach wie vor Bereiche in der Drives & Motion, die nichts mit der Robotik zu tun haben. Die Aufzugstechnik zum Beispiel liegt Welten entfernt von Roboteranwendungen – das ist ein total anderes Geschäft. Umgekehrt will in der Schweißtechnik ein Kunde nichts anderes als Robotik. Mit dem Gesamtportfolio können wir jetzt aber Gesamtanlagen- oder Linienbauer ansprechen, die ganzheitlich denken und dann auch in der Wertschöpfungskette nicht nur die Komponenten liefern, sondern das gesamte Know-how und Equipment für eine Anlage.

Hat sich aus der Zusammenlegung ein Zugang in neue Branchen ergeben?

Es ist jetzt wesentlich einfacher, bei Kunden Zugang zu bekommen, die wir bis jetzt nicht ansprechen konnten, als wir getrennt marschiert sind. Viele Kunden betrachteten Yaskawa als einen unter vielen Anbietern, und im Zweifelsfalle hat ein bodenständiger deutscher Maschinenbauer seinen Servo bei einem deutschen oder europäischen Lieferanten gekauft.

Jetzt, wo wir die Roboter mit anbieten können, kommt er ins Nachdenken, ob er mit mehreren deutschen Anbietern verhandelt oder mit einem, der zwar einen japanischen Namen hat, aber mittlerweile in Europa so aufgestellt ist, dass der Kunde hier in Europa alle Serviceleistungen bekommen kann, und der für ihn sogar hier in Deutschland kundenspezifische Lösungen entwickeln und in Europa auch fertigen kann.

Wir haben jetzt das starke Argument auf unserer Seite, dass der Kunde von uns alles aus einer Hand bekommen kann, dass er mit uns reden kann und dass wir die Spezialisten für die einzelnen Komponenten vom Frequenzumrichter über Maschinensteuerungen und Servos bis zu den unterschiedlichen Robotern an Bord haben, die ihm qualitativ hochwertigen Support geben können.

Haben Sie sich jetzt etwas von der japanischen Mutter »emanzipiert«, wie läuft die Zusammenarbeit?

Wir sind in engem Kontakt mit Japan und stark eingebunden in die Neuentwicklung von globalen Produkten. Wir hatten kürzlich die Chefs der globalen Inverter Division und Servo Division aus Japan zu Gast, und in der nächsten Woche treffen wir die Top-Mannschaft der Robotics Division. Die Kollegen sind alle sehr begierig zu lernen, was hier in Europa abläuft. Yaskawa sieht ganz klar, dass Europa trotz harten Wettbewerbs einen Wachstumsmarkt darstellt.

In welchen Produkten oder Entwicklungsansätzen hat sich die Neuordnung von Yaskawa bereits niedergeschlagen?

Unsere neuen Deltaroboter, Palettierer und Handhabungsroboter basieren jetzt auf der gleichen Hardware, auf welcher auch die Maschinensteuerungen aufgesetzt sind. Die beiden Welten Robotik und allgemeine Antriebstechnik kommen also nicht nur organisationsmäßig zusammen, sondern auch in der vereinheitlichten Hardwareplattform. Das ist der erste Schritt im Zuge der Neuordung, und in die Richtung wollen wir unsere Aktivitäten weiter ausbauen.

Hat der Anwender dadurch konkrete Vorteile?

Auf jeden Fall hat er das, weil die Integration jetzt wesentlich einfacher ist. Wir programmieren künftig nur noch an einer Stelle und nicht mehr verteilt an mehreren Komponenten wie bisher. Und dadurch, dass die einzelnen Komponenten komplett von Yaskawa kommen, kann der Kunde davon ausgehen, dass sie auch reibungslos funktionieren und untereinander kommunizieren.

Und es gibt jeweils einen konkreten Ansprechpartner?

Ja, es gibt für jedes Projekt einen gemeinsamen Ansprechpartner, der dann die Spezialisten zur Unterstützung hinzuzieht. Dabei ist es egal, ob dieser aus der einen oder der anderen Division kommt. Wir bei Yaskawa Europe stellen uns jetzt als »Masters of Motion and Robotics« dar, das gehört ab sofort zusammen.

Ein oft gehörter Begriff und Grundlage moderner Lösungsansätze ist heute die Mechatronik. Sie war in Europa in den 80er-Jahren ein großes Schlagwort, in den 90ern gab es die ersten Umsetzungen, mittlerweile wird sie in der Praxis gelebt. Übrigens hat Yaskawa den Begriff Mechatronik schon im Jahr 1969 eingeführt und ihn sich auch schützen lassen. Das zeigt, dass wir traditionell einen sehr innovativen und ganzheitlichen Denkansatz haben.

Wie ist die Forschung & Entwicklung bei Yaskawa aufgestellt? Gibt es disziplinübergreifende Mannschaften aus Japan und Europa?

Die Steuerung kommt aus Japan, und da haben die japanischen und europäischen Kollegen von der Drives-Division und der Robotik-Division eng zusammengearbeitet. Wir hatten hier in Europa bisher dezidierte Entwicklungsabteilungen für Robotik sowie Drives & Motion, die getrennt gearbeitet haben, und das wird auch so bleiben. Allerdings ist der technische Austausch und die Zusammenarbeit in konkreten Projekten Realität und das wird weiter wachsen.

Betreiben Sie in Europa ein eigenes Entwicklungszentrum?

In unserem sogenannten EuTC, dem »European Technology Center«, arbeitet ein Team, das eng mit den japanischen Kollegen verbunden ist. Es hat aber die eindeutige Aufgabe, speziell für den europäischen Markt Produkte zu entwickeln. Oft gilt es aber, in Japan geschaffene Geräte so anzupassen, dass sie europäischen Ansprüchen und Funktionalitäten genügen. Auch geht es darum, auf dieser Grundlage kundenspezifische Produkte abzuleiten.

Wir können mittlerweile schon auf eine Reihe erfolgreicher Kundenprojekte zurückblicken. Von der Theorie ist das jetzt zum Tagesgeschäft geworden. Inzwischen gibt es auch schon europäische Entwicklungen, die als globale Yaskawa-Produkte weiltweit vertrieben werden, nicht nur im europäischen Markt.

Als einzigartig in Europa würde ich unsere Yaskawa-Akademie in Eschborn bezeichnen. Auf sehr gut ausgerüsteten 1.700 Quadratmetern führen wir Schulungen in Robotik sowie in der allgemeinen Antriebstechnik durch. Es gibt ein breites Angebot an Trainingsmodulen, welches alle Aspekte der Robotik und der Antriebstechnik abdeckt.

Zudem haben wir kürzlich Richtfest gefeiert für einen neuen Komplex in Allershausen, in dem wir die Robotik-Aktivitäten für Europa zusammenfassen. Aber auch dort werden neben den Motoman-Kollegen auch Drives-&-Motion-Mitarbeiter vertreten sein, genauso wie in Eschborn, dem Hauptsitz der Drives & Motion Division, Robotik-Mitarbeiter angesiedelt sind. So wird sich der Austausch zwischen unseren beiden Divisionen immer mehr entwickeln.

Sie stellen auf der SPS/IPC/Drives unter anderem die neuen Mittelspannungsumrichter vor. Wie passen diese in das neue Schema?

Diese Produkte sind neu in unserem europäischen Angebot. Die Antriebe arbeiten in einem Leistungsbereich von einigen Hundert Kilowatt bis hin zu zehn Megawatt. In diesem Bereich gibt es bisher nicht viele Anbieter weltweit.

In Asien war Yaskawa schon immer sehr stark im Bereich der Mittelspannungsumrichter. Wir wollen damit jetzt auch im europäischen Markt angreifen und uns unter den anderen Großen etablieren. Wir sind der Meinung, dass unsere neue Generation von Mittelspannungsumrichtern über eine sehr gute Technologie verfügt und potenziellen Kunden einen Vorteil gegenüber anderen Angeboten bietet.

Yaskawa kann Inverter mit konventioneller Technologie liefern aber auch mit der innovativen Matrixtechnologie, die wir schon sehr früh aufgebaut haben. Letztere zeichnet sich besonders durch die hohe Energieeffizienz aus.

Die neuen Mittelspannungsumrichter von Yaskawa eignen sich sehr gut für große Lüfter, Pumpen oder Kompressoren oder für lange Förderstrecken, die große und schwere Güter transportieren. So etwas findet sich zum Beispiel in großen Stahl- oder Zementwerken aber auch in der Wasser- und Abwasseraufbereitung, und in diesen Bereichen wollen wir aktiv sein.

-Eintritt in das Unternehmen am 1. Juni 2008 als President und COO der damaligen Yaskawa Electric Europe GmbH.

-Davor in verschiedenen Positionen tätig für Parker Hannifin, zuletzt als Group Vice-President Innovation & Technology.

-Nach der Neugründung von Yaskawa Europe in 2010 zunächst President der Drives & Motion Division.

-Seit März 2011 zusätzlich verantwortlich für die Robotik Division in Allershausen.

-Geschäftsführer sowie President & COO der Yaskawa Europe GmbH.

Erschienen in Ausgabe: 01/2012