»Wir sehen unsere Kompetenz im System«

Interview

Peter Dittmers, Frank wiedemann – Nord Drivesystems aus Bargteheide baut längst nicht mehr nur Getriebe, auch Elektronik und Motoren spielen eine Rolle. Geschäftsführer Peter Dittmers und Frank Wiedemann, verantwortlich für Antriebselektronik und Motoren, geben Auskunft über jüngste Entwicklungen und Schwerpunkte.

04. Mai 2012

Herr Dittmers, Herr Wiedemann, stimmt eigentlich die Assoziation noch, wenn wir bei Nord weiterhin zuerst an Getriebe denken?

Peter Dittmers: Das ist nicht falsch. Unser Stammhaus Getriebebau Nord steht seit der Gründung und auch weiterhin für qualitativ hochwertige Getriebe. Aber der Getriebebau ist längst nicht mehr synonym mit der Nord-Gruppe insgesamt – wir haben uns schließlich schon ab den 1980er Jahren zum Komplettanbieter für Antriebstechnik entwickelt. Deshalb treten wir global unter dem Namen »Nord Drivesystems« für unsere weltweite Gruppe auf. Das macht deutlich: Wir sehen unsere Kompetenz im System aus mechanischer Technik sowie der zugehörigen Elektrik und Elektronik, die wir durchweg selbst entwickeln und produzieren.

Aber das Elektronik- und Motorenprogramm ist kleiner als das der Getriebe?

Frank Wiedemann: Das zu vergleichen ist nicht wirklich sinnvoll. Wir bieten ein sehr breites und variantenreiches Getriebesortiment an, und eine derartige Bandbreite erreichen wir mit unseren übrigen Produkten tatsächlich nicht.

Aber das ist auch nicht erforderlich. Wesentlich ist, dass wir in allen Bereichen ein Spektrum bieten, das sämtliche üblichen Antriebsanwendungen unserer Kunden abdeckt. Für diesen sich wandelnden Bedarf entwickeln und fertigen wir.

Zurzeit heißt das in der Elektronik zum Beispiel, dass wir sowohl unsere Schaltschrankumrichter-Familie als auch die dezentralen Systeme um leistungsstärkere Modelle ergänzt haben. Aber auch für die sich verschärfenden Energiesparanforderungen an Motoren weltweit stellen wir in diesem Jahr adäquate neue Lösungen bereit, konkret zum Beispiel IE4-Systeme bis 7,5 Kilowatt. Wo das Angebot breiter werden muss, werden wir stets aktiv.

Peter Dittmers: Das gilt auch für unsere älteste Sparte, die Getriebe. Auf der Hannover Messe stellen wir zum Beispiel neue Industriegetriebe-Baugrößen vor. Zu den Ausführungen mit 60.000 bis 242.000 Newtonmetern sind weitere Modelle von 25.000 bis 50.000 Newtonmetern hinzugekommen, weil die Nachfrage immer stärker wächst.

Warum sind diese Industriegetriebe so gefragt?

Peter Dittmers: Wir kombinieren in ihnen viele günstige Eigenschaften. Der Anwender kann vielfältige Optionen in das Standardgetriebe integrieren – für Förderanwendungen zum Beispiel ein direkt angebauter Hilfsantrieb. Grundsätzlich kann er auf ein sehr flexibles Baukastensystem zugreifen, um sein Getriebe schnell und komfortabel individuell zu konfigurieren. Für viele Anwender ist auch sehr wichtig, dass ein Standardgehäuse pro Baugröße den kompletten Übersetzungsbereich abdeckt und dass kundenspezifisch abgestimmte Ausführungen jederzeit und überall schnell lieferbar sind. Außerdem optimieren wir die Getriebe ständig weiter. Das maximal übertragbare Drehmoment konnten wir zum Beispiel um 15 Prozent steigern und die Wärmegrenzleistung weiter verbessern.

Gibt es außer diesen Zugängen noch andere neue Getriebetypen?

Peter Dittmers: Ja, ein anderer Schwerpunkt im Vertrieb sind die Washdown-Getriebe – unsere seit kurzem lieferbaren zweistufigen Kegelstirnradgetriebe, die die Getriebereihe Nordbloc.1 ergänzen. Diese Reihe ist optimiert für häufige und intensive Reinigung, was für eine ganze Reihe von Anwendungsgebieten wichtig ist. Wir bieten sie in fünf Baugrößen mit Drehmomenten von 90 bis 660 Newtonmetern an. Im Prinzip eignen sie sich für fast alle Bereiche, in denen sonst herkömmliche Kegelrad- oder Schneckengetriebe eingesetzt werden. Dazu zählen auch fördertechnische Einrichtungen.

Für eine Reihe von Anwendungen ist es auch wichtig, dass diese Typen sehr leicht sind. Wo immer die Getriebemotoren mit bewegt werden müssen, reduziert das den Energieverbrauch. Eine verbesserte Gehäusekonstruktion – auch diese für die Reinigung optimiert und deshalb mit sehr glatten Oberflächen ausgestattet – gibt es außerdem auch bei unserer neuen Schneckengetriebe-Familie SMI.

Statt einer Beschichtung erhalten Aluminiumoberflächen für hygienisch sensible Anwendungsbereiche eine besondere Behandlung, nach der sie zu Edelstahl vergleichbare Eigenschaften bieten. Das Verfahren nennen wir NSD tupH: Ein elektrolytischer Prozess sorgt dafür, dass die Oberfläche eines Aluminiumgetriebes anschließend extrem korrosionsbeständig ist und sowohl Laugen als auch Säuren widersteht. So behandelte Oberflächen sind zudem etwa siebenmal so hart wie zuvor.

Warum setzen Sie auf diese Technik und nicht wie bewährt auf Edelstahl?

Peter Dittmers: Zum einen weil man ein Angebot an Edelstahl-Varianten aus praktischen Gründen auf bestimmte Typen einschränken müsste. Im Gegensatz dazu ist die NSD tupH-Behandlung bei uns als Option für ein sehr breites Spektrum an Produkten erhältlich. Sie haben beim Getriebe praktisch freie Wahl, solange es aus Aluminium ist. Außerdem fällt diese Lösung auch wesentlich leichter aus, weil das Grundmaterial erheblich weniger wiegt als Stahl.

Und wenn der Anwender als Alternative ein lackiertes Getriebe oder eines mit Schutzbeschichtung in Betracht zieht, muss er damit rechnen, dass solche Schichten – egal ob Lacke oder zum Beispiel Nickel oder Nickel-Teflon-Kombinationen – sich natürlich ablösen können. Zumindest bei Beschädigungen ist diese Gefahr nie ganz zu vermeiden. Bei NSD tupH-behandelten Antrieben ist das prinzipbedingt ausgeschlossen. Diese korrosionsfesten Oberflächen sind kratzfest und sehr widerstandsfähig.

Herr Wiedemann, was ist konkret neu im Elektronikprogramm?

Frank Wiedemann: Zuletzt sind bei unseren dezentralen Frequenzumrichtern der Reihe SK 200E Ausführungen mit Leistungen bis 22 Kilowatt hinzugekommen. Und die Schaltschrankumrichter der Serie SK 500E bieten wir in diesem Jahr bis zur Baugröße 10 mit 132 Kilowatt Leistung an. Neu ist in dieser Familie auch der SK 540E, mit dem sich antriebsnahe Funktionen nach IEC 61131 frei programmieren lassen. Dieses Modell bewährt sich derzeit in verschiedenen Pilotanwendungen.

Alle unsere Umrichter, von den jeweiligen Basismodellen bis zu den Typen mit der umfangreichsten Ausstattung, setzen auf das bekannte sehr schnelle ISD-Stromregelverfahren, das bei wechselnden Lasten für konstante Drehzahl und im Anlauf für sehr hohe Drehmomente sorgt. Hochpräzise Anwendungen lassen sich schon mit kostengünstigen Geräten realisieren.

Ein Servo-ähnliches Verhalten in der Anwendung ist bei uns auch mit herkömmlicher Drehstromtechnik zu lösen: Infrage kommt dafür eine der höheren Ausbaustufen aus unserem Umrichterprogramm, die zur Drehzahl- oder Positionsüberwachung mit einem entsprechenden Gebersystem kombiniert wird.

Herr Dittmers, ist das Elektroniksortiment aus Sicht des Vertriebs damit komplett oder fehlt noch etwas?

Peter Dittmers: Wir bieten mit dem jetzt verfügbaren Leistungsbereich wirklich umfassende Möglichkeiten. Das wichtigste Marktsegment ist damit bestens versorgt. Aber selbstverständlich bleibt die Entwicklung nicht stehen. In den Startlöchern stehen bei uns zum Beispiel Lösungen, um Permanentmagnet-Synchronmotoren geberlos zu regeln. Dies wird zahlreiche innovative Anwendungen möglich machen.

Interessant ist das angesichts der sehr hohen Antriebswirkungsgrade, die sich auf diesem Weg erreichen lassen, auch in Bezug auf die sich immer mehr verschärfenden Energiespar-Richtlinien weltweit.

Frank Wiedemann: Passende Motoren im klassischen Drehstromasynchron-Motordesign stellen wir ebenfalls zur Verfügung.

Energieeffizienz bei Motoren haben Sie auch vorhin bereits erwähnt. Können Sie bitte noch umreißen, wie es um diesen Bereich steht?

Frank Wiedemann: Unsere effizientesten neuen Typen sind die schon erwähnten neuen IE4-Motoren, die wir in den Baugrößen 80 bis 100, mit 0,55 bis 7,5 Kilowatt Leistung herstellen. Außerdem liefern wir IE3-Motoren bis Baugröße 180. Und dasselbe Spektrum, in den Baugrößen 80 bis 180, decken wir mit Atex-Ausführungen unserer weltweit erhältlichen IE2-Motoren ab.

Erschienen in Ausgabe: 03/2012