»Wir sind das Team«

Rita Stockmann-Fuchs & Norbert Stubning - Technik verbindet. Steuerungs- und Antriebstechnik verschmelzen, wenn der Kunde ruft. Bei ABB wird bereichsübergreifend im Team an Lösungen gearbeitet. Aber sind die Teamplayer aufeinander eingespielt?

10. August 2007

Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile. Frau Stockmann-Fuchs, Sie vertreten die Steuerungs­seite bei ABB, und Sie, Herr Stubning, die Antriebslösungen. Wie funktioniert die Kooperation?

Rita Stockmann-Fuchs: Wir verfolgen für den Kunden eine Lösung und sind ein Lösungsteam - dabei spielt es keine Rolle, ob der Kunde uns primär von der Steuerungs- oder von der Antriebsseite her kennt. Beide Bereiche arbeiten mittlerweile eng verzahnt. Deshalb können wir den Kunden produktunabhängig beraten, und er wählt aus vielen Möglichkeiten die für ihn passende Lösung.

Was hat sich geändert?

Norbert Stubning: Bisher konnte er sich für ein Produkt entscheiden oder für die Lösung um das Produkt herum. Das kann er immer noch. Doch es gibt eine dritte Möglichkeit, das ist die gesamte Lösung aus einer Hand, die maßgeschneidert für seine Applikation ist.

Ist das so einfach? Ein Kunde ruft ja auch nicht bei der Auskunft an und fragt nach ABB. Er kennt Produkte, hat eine Vorstellung, was er braucht, zum Beispiel einen Antrieb oder ein Relais. Wie läuft die Kooperation?

Stockmann-Fuchs: Es ist eigentlich ganz egal, ob er in Heidelberg oder in Ladenburg anruft. Wir koordinieren Beratung und Projektierung intern. Möchte er eine umfassende Lösung, die über einzelne Produkte hinausgeht, besprechen wir die verschiedenen Möglichkeiten im Team. Beim Kunden treten wir dann gemeinsam auf. Egal, wen er zuerst angesprochen hat.

Wenn die Spritpreise steigen, redet jeder von energieeffizienten Antrieben. Wie neu ist das Thema für Sie?

Stubning: Wir sind bei energieeffizienten Antrieben schon seit vielen Jahren Vorreiter. Als einer der ersten Hersteller verzichten wir bereits seit 1998 freiwillig auf die Energieeffizienzklasse eff3. Insbesondere unsere Frequenzumrichter haben wir bei gleicher Leistung um fast 35 Prozent kleiner gebaut. Das spart zusätzlich Platz im Schaltschrank, senkt die Verlustleistung, und erfordert weniger auf Energieaufwand für die Kühlung.

Stockmann-Fuchs: Wie Sie wissen, kommen unsere speicherprogrammierbaren Steuerungen (SPS) ohne Lüfter aus. Dies spricht das für ein konsequentes Energiesparkonzept, das unabhängig von aktuellen Trends zum Energiesparen ist. Das Energiesparkonzept haben wir bereits mit der AC 31 begonnen - das war vor 1990.

Stubning: Potenzial zum Energiesparen liegt im Antrieb und in der Steuerung. Pump- und Lüfterantriebe haben ein hohes Einsparungspotenzial, da wir drehzahlgeregelte Antriebe verwenden. In der Steuerungstechnik sparen wir Energie durch hinterlegte Ablaufsysteme, um eine Gruppe anzuschließen.

Es gibt auch neue Normen, die jetzt vorbereitet werden. Wie schneiden Sie in den neuen Energieeffizienzklassen ab? Heißt es dort auch - Norm übererfüllt?

Stubning: Alle ABB Niederspannungsmotoren erfüllen diese Wirkungsgradklassen. Zum anderen wurde in der Antriebstechnik die Regelung wesentlich verbessert. Wir haben zum Beispiel durch andere Halbleiter den Wirkungsgrad um ein halbes Prozent erhöht. Gerade bei Frequenzumrichtern ist das bei einer Gesamtverlustleistung von etwa 2 Prozent ein beachtliches Ergebnis.

Hat sich die lüfterlose SPS noch nicht überall durchgesetzt?

Stockmann-Fuchs: Teils, bei Steuerungen für einfache Anwendungen ist der Verzicht auf den Lüfter nicht ungewöhnlich. Allerdings nicht bei großer Leistungsdichte. Der Kunde kann die Spreu vom Weizen trennen, wenn er SPS-Leistungsdaten vergleicht. Also, welche Zykluszeiten sie hat, wie schnell sie ist, und welche Abläufe sie durchsetzen kann. Bei diesen Werten gibt es große Unterschiede und einen klaren technischen Vorteil unserer SPS.

Was tun Sie, um als Lösungslieferant in die Köpfe der Kunden zu kommen? Mit zwei Adressen, zwei unterschiedlichen Namen, ABB Stotz Kontakt und ABB Automation Products, ist das nicht schwierig?

Stockmann-Fuchs: Meist ruft der Kunde bei ABB an und kümmert sich wenig darum, dass es unter einem Dach mehrere Bereiche gibt, was im übrigen bei anderen größeren Unternehmen auch der Fall ist. Um hier von vornherein Klarheit zu schaffen, treten wir bei Neukunden von Anfang an gemeinsam auf - als Team von ABB.

Stubning: Die Wege sind kurz. Wir lösen die Anforderungen für eine Applikation in einem Team. Wenn wir Informationen von der SPS-Seite brauchen, setzen wir uns mit den Steuerungsspezialisten an einen Tisch, und diese kennen uns als die Antriebsexperten. Die ausschließliche Antriebs- oder SPS-Perspektive gibt es bei uns nicht mehr. Denn Kollegen aus der Antriebstechnik arbeiten auch bei Stotz mit oder wechseln ganz in diesen Bereich. Die Welten wachsen also nicht nur zusammen, sie vermischen sich auch, und wir sind nur ABB. Dort gibt es Fachleute für jede Lösung.

Wie kommt eine typische Kundenlösung zu Stande? Können Sie ein Beispiel geben?

Stubning: Eine besondere technologische Herausforderung hat ein Vertriebsmit­arbeiter von einem Kundenbesuch mitgebracht. Auf den ersten Blick schien alles ganz einfach. In einer Großbäckerei war ein Schneidewerk für Positionieraufgaben einzurichten. Dabei werden die Brote zum Backen eingekerbt. Nachdem wir den Bericht des Kollegen gelesen hatten, haben wir den Kunden gemeinsam besucht, denn er wollte das komplette Paket - also von Getriebe, Kabel, Regelgeräten, Steuerung und Motor und bis hin zur Inbetriebnahme der gesamten Performance.

Was war dort der Status quo?

Stockmann-Fuchs: Ein Bäckereimitarbeiter hat dort 500 dieser Brote eingeschnitten, und mit dem neuen Schneidwerk sollte es die vierfache Leistung sein: 2.000 Brote pro Stunde. In unserem Team haben wir den ersten Lösungsansatz entwickelt. Beim zweiten Treffen in der Großbäckerei haben wir eine Lösung vorgestellt. Im nächsten Schritt haben wir dazu die Hardware aufgebaut, denn dort waren Zykluszeiten von drei Millisekunden gefragt. Das sind sehr schnelle Zeiten, um den ganzen Ablauf darzustellen: von der Reaktion, vom Regelgerät, an der Maschine bis über die Steuerung und wieder zurück. Für ein Zwei-Achs-System war das eine Herkules-Aufgabe.

Was passiert alles während der drei Millisekunden Zykluszeit?

Stubning: Der Antrieb bewegt sich, wenn er den Befehl bekommt - »nimm die Position ein«. Die Position wird berechnet, dann erfolgt die Rückmeldung vom Regler oder vom Motor: »ja, er hat den kompletten Zyklus abgearbeitet«. Das ist allerdings nicht nur der Teilzyklus, der in der SPS oder im Regler abläuft, sondern der komplette Ablauf. Drei Millisekunden sind sehr schnell - denn dazu muss der Regler intern seinen Momentenregler und seinen Positionsregler richtig setzen. Das darf bei der vorgegebenen Zykluszeit nicht länger als 60 bis 40 Mikro­sekunden dauern. In der Steuerung erfolgt dann der gleiche Arbeitsgang - mit der Besonderheit, dass wir die Positionierung in der Steuerung integriert haben. Theoretisch könnte das auch der Regler, aber eine x-Achse und eine y-Achse bedeuten eine sich verändernde Verfahrstrecke. Wenn solche Brotlaibe sich eher unvorhersehbar auf das Blech zu bewegen, können sie 10 cm nach rechts oder links fallen. In der Reihe, also in der x-Achse liegen die Laibe verhältnismäßig gleich, aber zum Einkerben muss das Messer drüber fahren und dann wieder vor- oder zurückfahren, um den genauen Schnitt zu machen.

Wo liegt das Problem?

Stockmann-Fuchs: Wenn man den Laib 10 cm vor legt, dann muss das Schneidwerk dort hinfahren. Doch auch die Bahngeschwindigkeit kann sich unter Umständen verändern. Um diese Grundbahngeschwindigkeit genau abzustimmen, übernimmt die Steuerung und nicht der Regler die Interpolation der Positionierung. Das konnten wir nur machen, da beide Systeme - Antrieb und Steuerung - schnell sind und aufeinander abgestimmt sind.

Musste das über eine SPS gelöst werden oder hätte eine dezentrale Motion-Control-Lösung auch genügt?

Stockmann-Fuchs: Beim Transport des Brotes müssen zwei Schlitten auf der x-Achse bewegt und koordiniert werden. Durch den Einsatz der zentralen Steuerung AC 500 kann dies einfach und sicher ohne Kollisionen bewerkstelligt werden. Darüber hinaus erzielt man ein zeitoptimiertes Verhalten.

Gibt es die Diskussion »zentral oder dezentral« nicht mehr?

Stubning: Wir sind nicht auf eine Richtung beschränkt - ob zentral oder dezentral. Die Kunden-Applikation entscheidet. In diesem Drei-Achs-System mit den drei unterschiedlichen Synchronisierungsmöglichkeiten hat die zentrale Lösung das Rennen gemacht. Allerdings war die Lösung nur deshalb machbar, da beide Systeme aufeinander abgestimmt und gleich schnell sind.

Peter Schäfer

Fakten:

Rita Stockmann-Fuchs ist Produktmarketing-Managerin für Steuerungs- und Sicherheitstechnik bei ABB. Sie studierte Elektrotechnik, Fachbereich Automatisierungstechnik, Berufsakademie Mannheim. Zunächst war sie in der Entwicklung tätig, später in der Projektierung von Automatisierungssystemen und im Produktmanagement Prozessvisualisierungssysteme.

Norbert Stubning hat Elektrotechnik studiert. 1979 begann er seine berufliche Laufbahn bei BBC. Er hat Frequenzumrichter entwickelt und war in der Applikation und im Produktmanagement tätig.Heute leitet er bei ABB in Ladenburg das Lifecycle/Applikations-Center.

Erschienen in Ausgabe: 05/2007