"Wir sind die Problemlöser"

Interview

Interview - Jörg Vollmann-Schipper – Geschäftsführer von Handtmann Elteka, Spezialist für Kunststofffertigung, über den Weg des innovativen Werkstoffs zum anerkannten Material von Industriekomponenten.

15. Oktober 2009

Herr Vollmann-Schipper, Handtmann Elteka wurde 1968 als Tochtergesellschaft der Handtmann Gruppe gegründet. Wann präsentierte das junge Unternehmen seine ersten eigenen Produkte?

1968 war das Gründungsjahr von Handtmann Elteka. Allerdings war es keine leichte Geburt. Denn die metallverarbeitende Industrie beschäftigte sich schon seit Mitte der 60er-Jahre mit Kunststoffen und legte ihren Verbandsmitgliedern nahe: »Schaut euch doch mal den neuen Werkstoff an!« Handtmann Senior, der als Innovationstreiber die Handtmann-Gruppe aufgebaut hat, wollte schon immer in Richtung neue Technologien gehen. Er hatte sich damals, als die Idee an ihn herangetragen wurde, bereits überlegt wie sich Kunststoffe verarbeiten ließen. Schließlich hat er sich gesagt: ich mache Metallguss, Aluminiumdruckguss, da könnte man doch sicher auch Kunststoff gießen. Allerdings hat es dann fast elf Jahre gedauert, bis die ersten Elteka-Kunststoffbauteile gekauft werden konnten.

Heute bietet Handtmann Elteka von Dichtungen bis zu Zahnrädern ein breitgefächertes Produktportfolio an. Welches waren die Meilensteine bei der Entwicklung der Produktpalette und gab es auch Produkte, die trotz bester Ingenieursleistung nie auf den Markt gebracht wurden?

Der Einstieg in den Markt, die erste Serienproduktion, gelang uns 1977. In den folgenden Jahren bewährten sich unsere Produkte und wir bekamen 1982 den Zuschlag für die Produktion von Büttenpropellern. Diese Propeller haben in der Aufbereitung von Altpapier oder Holzschnitt die damalige Anwendung Edelstahl ersetzt. Außerdem sind wir 1982 mit Gussteilen in die Papierindustrie eingestiegen. So gesehen war 1982 ein ziemlich erfolgreiches Jahr, weil Elteka verschiedene Projekte zum Durchbruch gebracht und die Hauptrichtung Papierindustrie gefunden hat. Ein weiterer Meilenstein für Elteka war das Jahr 1989. Damals gelang der Einstieg in die Automobilindustrie. VW suchte ein anderes Material für die Beschläge an den Seitentüren des T4 Transporters. Unser Material erzielte beim Test wesentlich bessere Resultate als die bis dato gespritzten Varianten. Im Jahr 1993 hatten wir dann die ersten Gespräche mit der Firma Leitner und mit der Firma Doppelmayr bezüglich des Einsatzes unseres Werkstoffes bei Bergbahnen. Bei Seilbahnen ist es so, dass die meisten Kunststoffe Defizite bei tiefen Temperaturen und bei UV-Licht haben. Sie werden spröde. Das ist bei unserem Werkstoff genau anders herum. Je tiefer die Temperatur, umso besser hebt er sich von den anderen ab. Im Jahr 1999 haben wir ein lebensmittelechtes Material entwickelt, jetzt mit Typ FS für Food Safe. Dies wurde vom Natec-Institut mit einer europäischen Norm zugelassen. Unser Material darf direkt mit milchig-wässrigen Lebensmitteln in Kontakt treten, also beispielsweise mit Käseprodukten oder auch mit Fleisch, da weder Stoffe aus unseren Kunststoffen in Lebensmittel immigrieren oder sich dadurch Geschmacksveränderungen ergeben. 1982 gab es leider auch einen Fehlschlag, als ein Patent für eine beheizte Druckmaschine, die wegen Temperaturschwankungen im Druckzylinder zu ungenau arbeitete, angemeldet werden sollte.

Was unterscheidet Handtmann Elteka Ihrer Meinung nach von den Wettbewerbern?

Wir stellen unseren Gusswerkstoff Lauramid selbst her und legen deshalb größten Wert auf die Wareneingangsprüfung unserer Gussrohstoffe. Zwei Komponenten werden zugekauft, die Dritte ist eine Eigenentwicklung und unser Betriebsgeheimnis. Deshalb beschäftigen wir dafür eigens einen Chemiker. Darüber hinaus werden bei uns sämtliche Bauteile geröntgt und beispielsweise untersucht, ob es bei Bauteilen mit Lauramid-Metall-Verbund Ablösungen zwischen dem Stahlkern und dem Kunststoff oder Lunker im Material gibt. Bei einer etwaigen Materialreklamation können wir – dank einer EDV-gestützten Dokumentation – den Produktionsprozess lückenlos nachweisen. Diese Qualitätssicherungsmaßnahmen betreiben wir seit 40 Jahren. Das hat aber auch seinen Preis: unsere Kunststoffe sind im oberen Preissegment angesiedelt. Leider merken wir das ab und an auch an Kunden, wenn diese zwar Entwicklungen von uns anfertigen lassen, die Serienbestellung aber bei Mitbewerbern platzieren.

Wie verläuft bei Handtmann Elteka ein typischer Produktentwicklungsprozess, und inwieweit gehen Sie bei dabei auf kundenspezifische Anforderungen ein?

Ein Produktentwicklungsprozess läuft bei uns nahezu immer gleich ab, und zwar in drei Schritten: Als erstes kommt die Auslegung, dann folgt das Konstruktive und im dritten Teil die Umsetzung. In der Regel bekommen wir von unserem Kunden eingangs eine Zeichnung. Wir bewerten, ob sich das Bauteil mit unserer Kunststofftechnik realisieren lässt, gehen mit dem Kunden in Diskussion und beraten ihn, bis alles so funktioniert wie er es sich vorstellt. Komplexer wird es, wenn wir dem Kunden etwas auslegen müssen. Basierend auf seinem Anforderungsprofil erfolgt die rechnerische Auslegung des Maschinenelements und je nachdem kann es vorkommen, dass wir zusätzlich eine FEM-Berechnung durchführen. Das konstruktive Auslegen übernimmt entweder der Kunde selbst oder wir arbeiten ihm einen Vorschlag aus. Wenn dieser Schritt abgeschlossen ist, kommt die eigentliche gießtechnische Realisierung inklusive Bearbeitung. Wobei wir dem Kunden die Freiheit lassen zu entscheiden, ob er das komplett fertig bearbeitete Bauteil oder beispielsweise nur den Rohling haben möchte.

Ist der Entwicklungsaufwand für kundenspezifische Anforderungen wirtschaftlich?

Die Elteka lebt letztendlich von den Entwicklungen, die wir für unsere Kunden machen. Für diese Entwicklungen berechnen wir keinerlei Kosten – weil sie für uns den Einstieg in das Geschäft bedeuten. Wir haben auch die Möglichkeit, das Produkt vom Halbzeug aus zu verwirklichen. Das kann für den Kunden etwas günstiger sein, als wenn wir speziell für ihn gießen müssen. Er spart sich die Formkosten, hat aber einen höheren Schmelzeeinsatz und damit gegebenenfalls auch höhere Bearbeitungskosten. Dies ist abhängig von seinen benötigten Stückzahlen. Aber wir leben in der Welt der Kleinst- bis mittelgroßen Serien. In manchen Fällen sind Bestellungen von fünf Stück schon eine Serienbestellung.

Wie viele Mitarbeiter sind bei Handtmann Elteka zurzeit in Deutschland und insgesamt weltweit beschäftigt?

Generell beschäftigt die ganze Handtmann-Gruppe rund 2.500 Mitarbeiter weltweit. Hier am Standort Biberach sind es 1.800. Elteka ist die kleinste der Handtmann-GmbHs mit momentan 65 Mitarbeitern. Aber auch wir wachsen: 2001, als ich hier angefangen habe, hatten wir noch 38 Mitarbeiter. Bei Handtmann ist es üblich, eher an der unteren Personalgrenze zu fahren, um beispielsweise jetzt, in den etwas mäßigeren Zeiten, nicht unbedingt Mitarbeiter gleich entlassen zu müssen.

Welche Entwicklungen stehen bei Ihnen im Hause an? Welche herausragenden Innovationen können Ihre Kunden noch erwarten?

Es gibt verschiedenste Innovationsmöglichkeiten, die wir uns vorstellen können. Momentan überlegen wir sehr stark im Bereich Lauramid. Beim Vergießen haben wir hier eine dünnflüssige Schmelze, die annähernd wie Wasser ist. Diese Schmelze nutzen wir bereits und umgießen Stahlkerne damit. Es existieren aber noch viele weitere Einsatzmöglichkeiten. In diesen Bereichen sind wir mittendrin in der Experimentierphase. Unsere Kunden und auch Kunden anderer Geschäftsfelder können also in den nächsten Jahren noch einiges von uns erwarten.

Zum Schluss: Mit welchen drei Schlagworten würden Sie Elteka charakterisieren?

Problemlöser, Partnerschaft und Diskussion auf Augenhöhe mit unseren Kunden.

Die Fragen stellte Christoph Scholze

Zur Person

Jörg Vollmann-Schipper, geboren am14. November 1967 in Günzburg, ist Geschäftsführer von Handtmann Elteka in Biberach. Nach Abschluss seines Studiums der Produktionstechnik in Augsburg arbeitete er mehrere Jahre lang in einem Unternehmen für Extrusionstechnik und anschließend in einem Spritzgussbetrieb. Seit 2002 ist Vollmann-Schipper in leitenden Funktionen in Biberach tätig.

Erschienen in Ausgabe: 07/2009