»Wir sind Teil der Maschine«

Olaf Hübner Der Kunde erwartet komplette Lösungen. »Er möchte nicht lange darüber nachdenken, wie er Energie und Daten vom festen Punkt A auf einen beweglichen Punkt B bringt«, sagt Olaf Hübner von Kabelschlepp.

21. Mai 2008

»Der Job einer Führungskraft ist es, andere zum Gelingen von Projekten zu führen«, weiß Olaf Hübner aus Erfahrung. Der Geschäftsführer der Siegener Kabelschlepp GmbH setzt auf Teamarbeit. Dazu gehört einerseits, nicht immer alles selber zu machen, sondern Aufgaben und Verantwortlichkeiten abzugeben. Das fällt nicht immer leicht, denn Leute in neuen Verantwortungen machen auch Fehler. Gerade bei wichtigen Dingen ist dann die Versuchung groß, doch wieder selbst tätig zu werden. Dies bewertet Hübner als klassischen Managementfehler. »Man lernt aus Erfahrung – und dazu gehören eben auch Hindernisse oder Misserfolge.« Wichtig sei, den Mitarbeitern den entsprechenden Freiraum für diese Lernprozesse zu geben, sich selbst zu disziplinieren und in Geduld zu üben. Die jahrelange Erfahrung im Asiengeschäft war für Hübner die beste Lehre: »Wenn ich bei Verhandlungen weiß, was gefragt ist, ich unsere Möglichkeiten kenne und es nicht schnell genug geht, bin ich oft sehr ungeduldig. In Fernost habe ich gelernt zu warten – das kommt mir heute zugute.« Zur Teamarbeit gehört andererseits der entsprechende Geist. Die Fähigkeiten des Einzelnen sind wichtig, aber letztendlich ist das leistungsstarke Ganze mehr als die Summe seiner Teile: »Alle zusammen sind wir das, was wir – Kabelschlepp – heute sind.«

Kreativität fördern

Dieses Bewusstsein unabhängig von Hierarchien oder Zuständigkeiten zu fördern, sieht Hübner ebenfalls als eine seiner zentralen Aufgaben. Die Innovationsfähigkeit eines Unternehmens hängt in hohem Maße von der Kreativität, den Fähigkeiten und dem Engagement der Mitarbeiter ab. Da muss das Miteinander über alle Ebenen stimmen.

Zu diesen Ebenen gehören auch die verschiedenen Produktbereiche. Nach seinem Eintritt in das Traditionsunternehmen hat Hübner zunächst das Kerngeschäft kennen gelernt und den Bereich Energieführungssysteme übernommen: die Kabelschlepps, von denen der Firmenname herrührt. Vor der Erfindung der Energieführungskette vor über 50 Jahren hingen Leitungen und Kabel einfach an Maschinen herab. Mit der Kabelschlepp-Idee wurden Leitungen zur Energieversorgung und Datenübertragung gebündelt, geführt und geschützt und waren nicht länger der neuralgische Punkt im Maschinenkonzept. 2006 hat Hübner die Geschäftsleitung übernommen. Auch der neue Wind, der seitdem im Unternehmen weht, ändert nichts an der schwerpunktmäßigen Ausrichtung auf die Energieführungssysteme. »Warum auch? Es ist ein gutes Gefühl, wenn ein Kunde das Produkt eines Mitbewerbers sieht und sagt: welch ein schöner Kabelschlepp.« Doch gehören zur Produktfamilie weitere Mitglieder, die Hübner ebenso am Herzen liegen: das differenzierte schleppkettentaugliche Leitungsprogramm ›Lifeline‹, die einbaufertig konfektionierten Komplettsysteme ›Totaltrax‹ sowie speziell für den Werkzeugmaschinenbau Führungsbahnschutz und Fördersysteme mit Teleskopabdeckungen, Späneförderern, Abstreifern und vollständige ›Protect Panel‹-Maschineneinhausungen. Natürlich kommen an Werkzeugmaschinen auch Energieführungen und Leitungen zum Einsatz. Führen, Versorgen, Transportieren, Schützen – diese optimal aufeinander abgestimmten Komponenten aus einer Hand bietet Kabelschlepp unter dem Produkt- und Servicekonzept ›4th Power‹ an. Egal ob Einzelkomponenten, Komplett- oder Systemlösungen, grundsätzlich gilt für Hübner: »Je komplexer, desto besser.« Als Tochterunternehmen der Waldrich Werkzeugmaschinenfabrik wurde Kabelschlepp die Lösungskompetenz für Produkte in komplexen Hightech-Anwendungen quasi in die Wiege gelegt. »Kunden sprechen uns vor allem an, wenn sie anspruchsvolle technische Lösungen brauchen, die ab Lager innerhalb von Stunden am Einsatzort sein können. Gerade deshalb sind wir auch für Betriebsmittelkunden erste Wahl.«

Neue Wege gehen

Mit dem 4th Power-Konzept trägt das Unternehmen dem Trend nach Komplettlösungen in einer besonderen Dimension Rechnung. »Wir sind ein nicht unerheblicher Teil der Maschine, der in einem Vorgang, unter einer Bestellnummer, mit nur einem Ansprechpartner verfügbar ist. Damit haben wir uns frühzeitig vom reinen Komponentenlieferanten zum Systempartner und Solutionprovider für unzählige Anwendungsbereiche entwickelt. Aufgrund von zunehmendem Kostendruck, engeren Lieferzeiten und kürzeren Produktzyklen sind Hersteller aus dem Bereich Automotive längst dazu übergegangen, die Entwicklung und Montage ganzer Module auf Zulieferer zu übertragen. Die Vorteile erkennen nun auch immer mehr Hersteller aus dem Maschinen- und Anlagenbau. »Wir bringen das Wesentliche auf den Punkt – schnell, unter Berücksichtigung wirtschaftlicher Kriterien und mit der optimalen Hardware.« Doch ein Anbieter muss dabei auch in der internen Organisation fit sein. Hübner: »Die haben wir zukünftigen Anforderungen entsprechend überdacht und optimiert. Für Komplett- und Systemlösungen gibt es jetzt beispielsweise eine technische Spezialabteilung aus erfahrenen, innovationsfähigen Praktikern, die mit den Mechanikern und Elektrikern des Kunden die Lösung ausgestalten. Das ist Mechatronik in Reinform, denn mit der mechanischen Auslegung ist es selten getan.« Die neue Ausrichtung ebenso wie das interdisziplinäre Denken und Arbeiten in Teams wirkt sich auch auf die Entwicklungsschwerpunkte des Unternehmens aus. Zudem wird für neue Lösungen mehr und besser zusammengearbeitet und produktiver entwickelt. Hübner: »Da sich Ingenieurskunst auf das vom Markt Gebrauchte fokussiert und nicht beim zurzeit technisch Machbaren stagniert, wollen wir die Grenze des Machbaren verschieben. Im Sinne unseres Slogans ›The Power to Innovate‹ ist durch die Neuausrichtung auch unsere Entwicklungsgeschwindigkeit gestiegen.« Auf der Hannover Messe hat Kabelschlepp diverse Neuheiten vorgestellt. Dazu gehört der Emercency ›Cable Carrier‹ (ECC), eine Lösung speziell für Applikationen mit extrem langen Verfahrwegen und rauen Umgebungsbedingungen wie im Hafenumschlag oder auch in Kohle- und Stahlwerken. Hier kann es passieren, dass Gegenstände auf den Verfahrweg des Energieführungssystems gelangen und es blockieren. Infolge der Blockade kann die Energieführung nicht ordnungsgemäß mit dem dynamischen Verbraucher verfahren, der Widerstand beim Zug oder Schub wird zu groß: Das System reißt oder staucht sich und geht kaputt. Damit liegt die gesamte Anlage lahm. ECC setzt sich aus einer Haupt- und einer Notfallkette zusammen. Es erkennt die durch ein Hindernis verursachte Blockade der Hauptkette sowohl in Zug- als auch in Schubrichtung sofort und schaltet die Anlage umgehend ab, die Notfallkette koppelt aus und überbrückt den Bremsweg der Verfahreinheit. Die Energie- und Datenversorgung bleibt unbeschädigt, sodass die Anlage nach Beseitigung der Störung umgehend wieder betriebsbereit ist.

Schneller als kopiert

Die Innovationsfähigkeit und -geschwindigkeit des Unternehmens sieht Hübner als Chance, im Wettbewerb dauerhaft zu bestehen – auch vor dem Hintergrund zunehmender Produktpiraterie. »Das ist der entscheidende Unterschied zwischen dem, der eigene Spuren hinterlässt, und dem, der den Spuren anderer folgt. Und deshalb haben wir die Nase vorn.« Kabelschlepp-Lösungen werden weltweit kopiert – trotz reichlicher Patente meist ohne Konsequenz für die Produktpiraten. »Wir müssen uns von der Kopie weg entwickeln mit neuen und besseren Produkten. Und das ist ja eigentlich eine Triebfeder, die wir sowieso haben: marktfähige Produkte ständig nach dem neuesten Stand der Technik zu entwickeln.“ So groß der Schaden durchs Kopieren auch sei, es verstärke den Druck, schneller und besser als andere zu sein, ist der Kabelschlepp-Geschäftsführer überzeugt. »Patente geben uns dabei Rückendeckung, aber der Innovationszwang treibt uns weiter nach vorne.«

Ein gutes Entwicklungsteam im Hause ist dabei die beste Versicherung gegen Schäden. Denn die Produktiven in Siegen denken nicht nur über neue Produkte, sondern auch ständig über verbesserte Fertigungstechnologien nach, mit denen sie zum Beispiel innovative Energieführungssysteme konstruieren und produzieren können. »Bei diesem Entwicklungstempo bleibt den Produktpiraten die Luft weg«, resümiert Hübner und rechnet vor: »Der Einsatz von Copycats in Maschinen lohnt sich nicht: Unser Produkt kostet im Verhältnis zu einer Maschine relativ geringe Summen, kann aber im Falle einer Kopie riesige Folgekosten haben. Unsere Produkte sind wie eine Wirbelsäule. Wenn sie beschädigt ist, läuft der ganze Apparat nicht mehr.«

ps

ZUR PERSON

- Olaf Hübner hat die Geschäftsführung der Kabelschlepp GmbH in Siegen im Januar 2006 übernommen.

- Er gehört dem Unternehmen bereits seit dem 1. Juni 2002 als Leiter des Geschäftsbereiches Energieführungen an.

- Bevor der 46-jährige Diplom-Kaufmann zu Kabelschlepp kam, lebte und arbeitete er unter anderem mehrere Jahre in Singapur und verantwortete dort als Managing Director Niederlassungen in Singapur, Korea und Indien sowie den gesamten asiatisch-pazifischen Raum .

Erschienen in Ausgabe: 03/2008