»Wir verkaufen Innovationen«

Harald Robok - Der Mittelstand bringt Bewegung in die Wirtschaft. Davon ist man bei IBM PLM Solutions fest überzeugt. Deshalb will man jetzt in Sachen Product Lifecycle Management verstärkt auf mittelständische Unternehmen zugehen. Sind das alles nur gute Vorsätze?

06. Juli 2005

Die IBM steht im wesentlichen auf zwei tragenden Säulen. Zunächst sind wir ein Technologie-Unternehmen, das in einer ›High competitive‹-Industrie, im Elektronikumfeld, Produkte entwickelt, fertigt und erfolgreich vertreibt. Unix, Linux sowie Mikroprozessor-, und Middle-ware-Systeme sind hier nur einige Stichworte. Die IBM hat mit einem Forschungs- und Entwicklungsetat von fünf Milliarden Dollar im Jahr das größte Innovationsbudget weltweit, einiges bewegt und im Technologie-Sektor Standards gesetzt. Die zweite Säule hat industrielle Lösungen im Fokus. Wir sind heute das größte Service-Haus mit einer entsprechend kompetenten Beratungstruppe, die für Lösungsszenarien und Anforderung der Kunden in verschiedenen Branchen aufgestellt ist. PLM ist innerhalb der IBM ein Geschäftsbereich, der Kunden weltweit mit Produkten, Technologien, Service und Beratung unterstützt und ihnen Wettbewerbsvorteile verschafft.

Wie lange kooperieren Sie mit Dassault Systems?

Seit 1981 währt unsere Kooperation mit Dassault Systems und ist damit die längste Partnerschaft für CAD/CAM und PLM im Markt. In diesen 23 Jahren haben wir die Industrie mit Lösungen rund um CAD bedient und bieten heute ein breites PLM-Angebot für verschiedene Phasen des Produktentwicklungsprozesses bis hin zum

Datenmanagement und zum Management der Kunden-Lieferanten-Beziehung. Wir nutzen dabei die Erfahrungen im eigenen Haus, schließlich entwickeln und produzieren wir und wenden die PLM-Strategie auch innerhalb der IBM an. Dadurch konnten wir etwa unsere Entwicklungszeiten halbieren und unsere Markteinführungszeiten drastisch reduzieren, für High-end-Plattformen beispielsweise um über 70 Prozent.

Wo setzen Sie mit Ihren PLM-Lösungen an?

Unternehmen brauchen heute PLM-Strategien, um sich am Markt zu behaupten und erfolgreich zu sein. Denn in der Industrie gibt es heute kein ›easy-going‹ Business mehr, alles wird hart erkämpft. Marktführer und andere erfolgreiche Unternehmen arbeiten in ihrem Wettbewerbsumfeld produktiv im Sinne von Kosten für die Produktentwicklung. Entscheidend ist, wieviel Zeit nimmt die Entwicklung von neuen Produkten in Anspruch und wie lassen sich bestimmte Abläufe beschleunigen. Das A und O ist, früher als der Wettbewerber am Markt zu sein und weniger Zeit für bestimmte Aufgaben zu verwenden. Entscheidend ist es, den Kunden aus Ideen, Marktbeobachtungen und aus der Produktplanung heraus schnell Neues zu bieten. Wer heute vorne stehen will, muß Prozesse in einem komplexen Netzwerk, mit Kunden, Lieferanten, Partnern und Hochschuleinrichtungen, managen. Eine kürzlich vorgestellte Studie des IBM-Geschäftsbereichs Business Consulting Services und des Lehrstuhls für Maschinenbauinformatik der Ruhr-Universität Bochum bestätigt, daß der strategische Einsatz von PLM sowohl in der Produktentstehung als auch in späten Phasen des Produktlebenszyklus zu Kosten- und Zeitvorteilen führt. Größte Erfolge lassen sich der Studie zufolge durch enge Einbeziehung der Unternehmensführung in die Umsetzung einer PLM-Strategie erzielen.

Sie begründen PLM. Was zeichnet sie gegenüber dem Wettbewerb aus?

Der PLM-Markt hat sich konsolidiert. Unter den verbliebenen Anbietern gibt es zwei bis drei Differenzierungskriterien. Ein Unterscheidungsmerkmal ist die Technologie. Betrachtet man den Innovationszyklus im PLM-Feld, haben wir die letzte PLM-Innovationsrunde eingeleitet. Als wir mit unseren V5-Technologien vor vier Jahren auf den Markt gekommen sind, haben andere noch ›die alte Welt‹ an Lösungen und Systemen verkauft. Wir haben mittlerweile einen großen Technologievorsprung mit CATIA, ENOVIA und SMARTEAM. Dieser Technologiewechsel steht anderen noch bevor. Es finden dort zwar kosmetische Nachbesserungen statt zum Beispiel in Form neuer Bedienerschnittstellen, oder wenn mühsam versucht wird, verschiedene Systemwelten zusammenzubringen. Hier fehlen noch etliche Schritte zum Ziel.

Wie erklären Sie diesen Vorsprung von CATIA im einzelnen?

CATIA ist ausgereift und am Markt erprobt, vom Großkunden bis zum kleinen Ingenieurbüro.

Der Kunde ist auf eine zuverlässige und einfach zu bedienende Technologie angewiesen. Denn heute geht es um vernetzte Arbeitsweisen mit vielen Zulieferanten und Kooperationspartnern, die im weltweiten Rahmen etwas zu Produktentwicklungsprozessen beitragen. Um diese Komplexität zu bewältigen, brauchen die Unternehmen einen Partner, der dies nicht nur hier in Europa und Nordamerika, sondern auch in den Wachstumsregionen in Asien oder Osteuropa leisten kann. Entscheidend ist, die einzelnen Prozesse und Partner zu integrieren. ›Interfacen‹ statt Integrieren hilft hier nur bedingt weiter.

Was leisten Sie über die reine Technologie hinaus?

Um die volle Leistungsfähigkeit von PLM auszuschöpfen, ist es erforderlich, andere Lösungen wie Supply-Chain-Management und Customer Relationship Management zu integrieren. Dabei geht es darum, zunächst die bei jedem Kunden unterschiedliche Systemlandschaft zu analysieren. Dazu verfügen wir über circa 1.500 gut ausgebildete PLM-Berater, die unseren Kunden dabei helfen, eine auf sie maßgeschneiderte PLM-Strategie umzusetzen. Aus mechatronischer Sicht bieten wir zahlreiche Komponenten aus einer Hand, von der Softwareentwicklungsumgebung, der mechanischen Produktentwicklung, dem Datenmanagement bis hin zur Middleware. Dadurch vereinfacht sich die Projektabwicklung des Kunden erheblich.

Das klingt nach erster Klasse. Doch solche Leistungen kosten. Kann sich ein Mittelständler das leisten?

Es gibt nicht die eine Lösung für alle. Wir sind kein Low-cost-Anbieter, dazu haben wir zu viele Differenzierungsmerkmale. Aber wir gehen auf den Mittelstand zu mit unseren speziell für dieses Marktsegment paketierten Expreß-Lösungen. Hierzulande hat der Mittelstand ein großes Innovationspotential, denn er bringt Bewegung in die Wirtschaft. Wir wollen dort kein teures Paket, also den großen ›PLM-Mercedes‹ positionieren. Wir fächern die Produktpalette auf und bieten mittelstandsgerechte Pakete. Bereits vor einigen Jahren haben wir innerhalb der IBM eine spezielle Mittelstands-Unit gegründet, die lokal präsent ist, aber auch weltweit operiert. Speziell für mittelständische Unternehmen haben wir ein Netz aus zahlreichen, auf bestimmte Branchen spezialisierten Business-Partnern. Diese können direkt bei kleinen Kunden mechatronische Lösungen implementieren. Aber für den Mittelstand kommen auch unsere Gesamtlösungen in Frage.

Der Mittelstandstand wird hart umkämpft. Kommen Sie an Low-Cost vorbei?

Im Mittelstand versucht fast jeder mit den ›Paar-hundert-Euro-Paketen‹ präsent zu sein. Ich zweifle, ob die dazugehörenden Botschaften klar genug sind und ob die mittelständischen Unternehmen tatsächlich dort abgeholt werden, wo es brennt. Auch wir haben hier noch einiges zu tun. Der deutsche Mittelstand ist zwar bedeutend, aber auch sehr segmentiert und unübersichtlich. Unser Kompetenzzentrum hat über seine lokale Präsenz hinaus die Aufgabe, den Kunden die Scheu vor dem Weltunternehmen IBM zu nehmen.

Sie operieren im Mittelstand mit sogenannten Paketlösungen. Inwieweit sind diese erweiterbar?

Ein CATIA-Einstiegspaket ist kompatibel zu weiterführenden Lösungen und Produkten. Es ist also keine Sonderlösung, die Probleme bei der Integration macht. Auch wenn Daten eines Kunden wachsen, wenn er seinen Betrieb zum Beispiel erweitert, kann er eine weitergehende Lösung integrieren. Installiert er das Einstiegspaket, kann er später weitere Teile dazukaufen und hat eine durchgängige Lösung. Vor drei Jahren haben wir SMARTEAM als Produktdatenmanagementsystem in unser Produktportfolio mit aufgenommen. Dieses System ist vor allem für den Mittelstand interessant, um Datenaustausch zu vereinfachen. Allein in Deutschland, Österreich und der Schweiz hat die IBM mehr als 36.000 Mittelstandskunden. Und auch im PLM-Umfeld machen wir weltweit mehr als 40 Prozent unseres Umsatzes in diesem Segment. Das ist eine gute Basis, aber wir können dieses Potential noch weiter ausbauen.

Was bringt dem Anwender die Version 5 von CATIA?

CATIA Version 5 war bei ihrer Einführung ein von Grund auf neu entwickeltes System, das die Denk- und Konstruktionsweise des Anwenders in den Mittelpunkt stellt und objektorientiert arbeitet. Mittlerweile enthält das System 150 Module, die der Konstrukteur alle intuitiv nach dem Motto ›Look and Feel‹ nutzen kann. Auf der Technologiebasis sind die neuesten Entwicklungen von der Parametrierung bis hin zur Wissensverarbeitung im Modellierungskern integriert. Außerdem wird das firmenspezifische Know-how erhalten und kann automatisch weitergegeben werden. Statt für jede Neuentwicklung Teile mühsam aus vorhandenen Modellen herauszulösen, zu kopieren oder durch Modifikationen zu erstellen, wird das neue Modell durch vorhandene Elemente zusammengesetzt. In der Neukonstruktion werden die wiederverwendeten Teile automatisch der neuen Umgebung maßlich angepaßt. Der Anwender wird an der entsprechenden Stelle der Konstruktion zum richtigen Ergebnis geleitet oder ihm werden Alternativen aufgezeigt. Häufig wiederkehrende alltägliche Konstruktionsaufgaben können somit zum großen Teil automatisiert werden. Denn das Know-how des Konstrukteurs spiegelt sich nicht nur in dem fertigen Produkt wider, sondern auch im Konstruktionsweg.

Was zeichnet das Systemdesign von CATIA V5 aus?

Eine Besonderheit ist das assoziativ-relationale Design, das alle Aktivitäten für einen Konstrukteur komplett abbildet. Er kann damit intuitiv arbeiten und sich während aller Entwicklungsschritte in seiner Konstruktion darüber informieren, was zum Beispiel in Verbindung mit seiner Arbeit in der Fertigung passiert. Das System ist durchgängig und informiert jederzeit über den Status, über Veränderungen sowie über parallel laufende Entwicklungen. Das virtuelle Produktmodell oder die Simulation ermöglichen die Prüfung der Produktreife bereits vor der Erstellung des ersten realen Prototypen. Durch Benutzerfreundlichkeit, Durchgängigkeit, intuitives Erlernen sowie den wissensorientierten Ansatz eignet sich CATIA V5 insbesondere für spezifikationsgetriebene Entwicklungen.

Welches Ziel verfolgt der Ansatz, der Spezifikationen in den Vordergrund rückt?

Heutzutage beschäftigt sich der Konstrukteur nicht mehr viel mit dem grundsätzlichen Gestalten, etwa wie eine Bodengruppe konstruiert wird. Sein Hauptaugenmerk gilt den Spezifikationen der Geometrie. Er arbeitet spezifikationsorientiert und treibt damit die Modellentwicklung und die generierung voran. Die Modellentstehung ist ein ›Abfallprodukt‹ aus den technischen Anforderungen, die am Anfang gefragt sind. Im geometrischen Modell entsteht das, was später in der Fertigung produziert werden muß. In der Berechnung wird es lediglich verifiziert. Dem aufwendigen Modellieren galt früher das Hauptaugenmerk, heute widmet man sich den Spezifikationen für ein Produkt und nutzt Wissens-Templates, also vorgefertigte Methoden, aus denen die Geometrie automatisch abgeleitet wird. CATIA bedeutet dadurch einen Quantensprung für die Produktentwicklung. Die integrierte Datenverwaltung rundet den Entwicklungsprozeß ab. Mit ENOVIA oder SMARTEAM kann der Kunde den Entwicklungsprozeß vom Anfang bis zum fertigen Produkt managen.

Auch der Industriedesigner steuert Ideen zum Produkt bei. Kann er mit CATIA V5 arbeiten?

CATIA kann Vorgaben, Geometrien und Formen von unabhängigen Designtools lesen und weiterverarbeiten. Die eigenen Design-Möglichkeiten, die CATIA mittlerweile bietet, sind so umfangreich, daß ein separates Designtool überflüssig ist.

Peter Schäfer

Erschienen in Ausgabe: 06/2004