»Wir wissen, wo der Schuh drückt«

Andreas Baumüller ? Das Umweltbewusstsein wächst in dem Maße, wie die Strompreise steigen. Die Energiebilanz des gesamten Antriebssystems stand bei Baumüller bereits ganz oben auf der Prioritätenliste, als die Motoren noch nicht in Energie-Effizienzklassen eingeteilt wurden. »Es tut gut, Vorreiter zu sein«, sagt Andreas Baumüller.

14. November 2007

Was sind die Wurzeln von Baumüller? Wie hat sich die Kernkompetenz entwickelt?

Andreas Baumüller: Das Unternehmen Baumüller begann vor 77 Jahren mit meinem Großvater als Reparaturbetrieb für Elektromotoren. Entstehend aus dieser Tätigkeit bildete sich durch meinen Vater Günter Baumüller die Entwicklung, Produktion und Vertrieb von Antriebskomponenten mit Betreuung im Aftersales-Business aus. Durch ihn wurden Themen wie die »Direktantriebstechnik« maßgeblich geprägt. Mit Eintritt meiner Schwester Karin Baumüller-Söder und mir befindet sich Baumüller jetzt in der dritten Generation. Wir sehen uns als innovatives Familienunternehmen mit Tradition, das die Werte Konstanz und Zuverlässigkeit unseren Kunden vermittelt. Heute ist Baumüller ein Systemanbieter für Automatisierungskomponenten des Maschinenbaus, mit dem Ziel der stetigen Innovation zur Optimierung des Kundennutzens.

Energiesparen ist eines der Trendthemen in der Antriebstechnik. Auch Baumüller wirbt damit. Warum?

Energieeffiziente Antriebe führt Baumüller bereits sehr lange im Programm. Wechselrichter speisen die Energie in das Netz zurück und erzeugen somit keine unnötige Verlustleistung. Dies ermöglicht Einsparpotenziale beim direkten und indirekten Energieverbrauch der Maschinen.

Wer braucht solche Umrichter?

Die Möglichkeit der Energierückspeisung ins Netz führt vor allem bei großen Leistungen zu bedeutendem Einsparpotenzial. Die rückspeisefähigen Umrichter ›b maXX 4100‹ können für Leistungen bis 180 kW eingesetzt werden. Läuft eine Maschine im Start-Stop-Betrieb, wird sie also regelmäßig stark beschleunigt und wieder abgebremst, macht sich ein rückspeisefähiges System besonders bezahlt. Typisch hierfür sind beispielsweise Werkzeugmaschinen und die grafische Industrie. Insbesondere bei Bahn verarbeitenden Maschinen kann aufgrund der hohen Schwungmassen beim Abbremsen deutlich Energie ins Netz zurückgeführt werden.

Ihre Hausfarbe ist Gelb und nicht Grün. Wie kommen Sie zu dieser ›ökologischen‹ Energiespar-Ausrichtung?

Durch unsere enge Zusammenarbeit mit dem Kunden spüren wir, »wo der Schuh drückt«. Circa zwei Drittel der elektrischen Energie in der Industrie werden für Antriebsprozesse verbraucht. Die Energiekosten für Antriebe sind derzeit eindeutig zu hoch! Getreu unserem Motto »be in motion« wollen wir auch hier Vorreiter in der Entwicklung energiesparender Antriebe sein. Unsere Forschung und Entwicklung haben wir seit Jahren auf dieses Ziel hin ausgerichtet. Die kompakte Bauweise, ein hoher Ausnutzungsgrad, Synchrontechnologie und Direktantriebstechnik sind ein Alleinstellungsmerkmal von Baumüller.

Energiesparen bei Antrieben erlebt Höhen und Tiefen. Vor ein paar Jahren galt es eher als Nebensache. Heute scheint das anders. Ist das nur ein europäisches Thema?

Wie die Hannover Messe gezeigt hat, wird Energiesparen in der Antriebstechnik derzeit sehr hoch gehandelt. Steigende Energiepreise sind weltweit ein Thema ? jetzt auch in Asien und Amerika und nicht nur in Europa. Das heißt, die Entwicklung in der energiesparenden Antriebstechnik wird jetzt erst richtig interessant. Wir werden sie weiter vorantreiben, um den Kunden weiter gute Argumente für energiesparende Lösungen zu geben. Schließlich müssen sie für ihre Entscheidung zwischen Betriebskosten und Initialkosten abwägen.

Der Weg ihres Unternehmens führt vom Reparaturbetrieb zur gesamten Antriebstechnik. Wo stehen Sie jetzt?

Ausgehend von der Reparatur von Elektromotoren haben wir uns zum Systemanbieter von Automatisierungs- und Antriebslösungen entwickelt. Über Beratung, Projektierung und Engineering und unter Verwendung von Standards wie z. B. Motion Control nach PLCopen, Softwaremodulen und Steuerungen, Umrichtern, Elektromotoren und Schaltschränken entwickeln, produzieren und montieren wir komplette Systemlösungen für Maschinen- und Anlagenbauer.

Diesen Anspruch haben andere auch. Warum sollte ein Kunde nicht nur wegen eines Antriebs oder wegen eines Umrichters zu Ihnen kommen?

Baumüller plant, entwickelt und fertigt innovative Automatisierungs- und Antriebskomponenten für alle Leistungsbereiche. Unser Schwerpunkt liegt hier auf Innovation und Flexibilität. So generieren wir maßgeschneiderte und zukunftsfähige Lösungen zur optimalen Erfüllung der Kundenanforderungen mit unserem umfangreichen und innovativen Produktangebot. Ein Stichwort werden Sie immer wieder von Baumüller hören: dezentrale Intelligenz. In modular konfi gurierten Anlagen übernehmen einzelne Komponenten Verantwortung für ihren Leistungsbereich. Das gilt auch für Regler und Umrichter. Der Vorteil: Innovationsfähigkeit. Neues Know-how und neue Technik finden schneller Eingang in den Workflow unserer Kunden. Gerade unsere neue modulare Reglergeneration »b maXX« macht Ihre Anlagen skalierbar und off en ? kurz: zukunftsfähig! Als ein Innovationsführer sind wir auf dem neuesten Stand. Gerade unsere hochdynamischen Servomotoren bieten die schnellsten Start- Stop-Vorgänge weltweit. Von dieser Expertise Expertise profitieren unsere Kunden auch bei der Entwicklung von Komponenten für ihre Anwendung. Baumüller steht für intelligente Komponenten für jede Anwendung in Automatisierung und Antrieb. Wir bieten die breiteste Palette an Servoantrieben am Markt: von Linear- oder Scheibenläufermotoren über hochdynamische Drehstrom- Servomotoren bis hin zu High-Torque-Servos mit der dazugehörigen intelligenten Automatisierungstechnik.

Was beinhaltet bei Ihnen Beratung?

Wir beraten unseren Kunden ganzheitlich und lösungsbezogen. Durch unseren Branchenansatz sprechen wir die Sprache des Kunden. Durch die Verbindung zwischen dem Prozess-Know-how des Kunden und unserer Systemerfahrung generieren wir im Beratungsgespräch wirtschaftlich optimale und zukunftsfähige Lösungen gemeinsam mit dem Kunden.

Welche Rolle spielt die Software in solch einer Lösung?

Maschinen und Anlagen bestehen aus immer mehr Einheiten, die mithilfe komplexer Software immer mehr Funktionen erfüllen. Automatisierungs-Tools zur Bedienung der ? häufi g von verschiedenen Herstellern stammenden ? Geräte, sind oftmals untereinander nicht kompatibel. Um die Komplexität zu verringern sowie Datenhaltung, Bedienung und Parametrierung wirtschaftlich zu gestalten, ist eine ganzheitliche Lösung in Form eines Engineering Frameworks notwendig. Ein Engineering-Framework, das diese Anforderungen erfüllt, ist der »Framework ProMaster«. Daten können damit übersichtlich verwaltet werden. Die Programmierung erfolgt nicht erst vor Ort an der Maschine, sondern lange vor der Inbetriebnahme. Statt wie früher die komplette Anlage programmieren zu müssen, parametriert der Ingenieur nun übersichtlich die Maschine, spart damit wertvolle Zeit und verkürzt so entscheidend seine Time-to-Market. Er muss sich weder mit unnötigen Details befassen noch Kommunikationsverbindungen programmieren. Stattdessen bietet sich ihm ein transparenter Überblick über die gesamte Anlage. Jetzt steht Ease-of-Use für den Ingenieur ehemals komplexem Programmierungsaufwand gegenüber. Für den Anwender entscheidend ist die Vereinfachung des Engineering-Aufwands durch die weitgehende Reduktion der Programmierungsaufgaben.

Welchen Stellenwert hat die Mechatronik in der Beratung ihrer Kunden?

Als Verbindungselement mechanischer, elektronischer und informationstechnischer Elemente und Module innerhalb eines Systems entspricht sie einer zeitgemäßen Herangehensweise im Maschinenbau. Sie schaff t nicht nur Synergien in diesen Disziplinen, sondern hilft, Maschinen nach Funktionalitäten zu modularisieren und zu flexibilisieren. Die Entwicklung und Projektierung komplexer und zukunftsweisender mechatronischer Systeme ist für uns der richtige Weg hin zu geringeren Kosten, einer höheren Flexibilität, Integration und Leistung sowie einer noch höheren Verfügbarkeit und verbesserten Kommunikationsfähigkeit für unsere Kunden.

Liegt die Herausforderung heute mehr im Engineering, also in den Applikationen, oder in der Entwicklung von Produkten?

Sowohl die Entwicklung von Produkten als auch das Engineering sind bei der Realisierung einer optimal den Anforderungen des Kunden entsprechenden Lösung wichtig. Hierfür müssen die einzelnen Produkte optimal aufeinander abgestimmt und durch wenige Eingriff e schnell und einfach an die Applikation anpassbar sein. Darüber hinaus stehen die Produktmanager und beratenden Ingenieure der Baumüller Gruppe dem Kunden jederzeit zur Verfügung. Produkte zur transparenten und einfach zu bedienenden Parametrierung und Programmierung, wie etwa das Softwaretool »SizemaXX« zur Auslegung kompletter Antriebsgruppen, runden unser Produktspektrum ab.

Die Diskussion über Echtzeitsysteme rückt die Kommunikationsfähigkeit von Automatisierungssystemen immer mehr in den Vordergrund. Wo steht Baumüller?

Baumüller steht mit an der Spitze der Entwicklung ethernetbasierender Echtzeitfeldbussysteme. Bereits seit längerem haben wir viele Anschaltungen erfolgreich im Markt implementiert und in Serie laufend. Im Bereich der echtzeitfähigen Kommunikation auf Ethernetbasis haben wir uns von Anfang an engagiert und dadurch umfassendes Know-how aufgebaut, das wir heute in unseren Systemen nutzen können. Für uns ist es natürlich besonders wichtig, diese Echtzeit-Feldbussysteme auch zu bedienen. Peter Schäfer

Zur Person

¦ Dipl.-Ing. Andreas Baumüller (geb. 1974) studierte Elektrotechnik an der Universität Erlangen-Nürnberg.

¦ Anschließend war er in der Baumüller Kamenz GmbH und im Bereich der Baumüller Anlagen Systemtechnik tätig. Danach arbeitete er in der Automobilzulieferindustrie bei INASchaeffl er in Charlotte, USA.

¦ Seit 2004 ist Andreas Baumüller Geschäftsführer der Baumüller Nürnberg GmbH.

Erschienen in Ausgabe: 08/2007