Wo bleibt der deutsche Zuckerberg?

Kommentar

Digitalisierung – Die heutigen Zeiten stehen weltweit im Zeichen der Digitalisierung, aber in Deutschland fehlen Pioniere wie zum Beispiel bei Social Media.

19. Mai 2016

Deutschland werde im Bereich der IT-Zukunftstechnologien abgehängt und sei nicht innovativ genug! Vor allem der deutsche Mittelstand traue sich nicht und verweigere sich der Digitalisierung! Klagen dieser Art sind schon seit Langem immer wieder zu lesen und zu hören. Aktuellen Studien zufolge scheitert jeder dritte Mittelständler daran, zum Beispiel mit intelligent vernetzter Logistik und Produktion sein Unternehmen fit für die Digitalisierung zu machen. Zugleich besagen dieselben Studien, für 86 Prozent der befragten Mittelständler wachse die Bedeutung der Digitalisierung weiter und sichere direkte Wettbewerbsvorteile. Landauf, landab blickt man beeindruckt auf die Amerikaner, die der digitalen Zukunft schon mit Bill Gates, dann mit Steve Jobs, dann Mark Zuckerberg und anderen immer wieder ein Gesicht gegeben haben.

Tatsächlich scheint Deutschland in Sachen Innovationen für die vernetzte Welt anderen hinterherzuhinken. Mangelnde Entschlossenheit ist aber meiner Meinung nach eher nicht der Grund dafür. Vielmehr braucht es zuallererst eine Infrastruktur, deren Ausbau trotz ungezählter »digitaler Agenden« der Bundesregierung – geführt von einer Chefin, für die das Internet noch Ende 2013 »Neuland« war – nur schleppend verläuft. Schon unsere Brücken und Straßen verfallen ja zugunsten der schwarzen Null für Schäuble. Da ist es folgerichtig, dass über Jahre bereits amerikanische Geschäftspartner rätseln, ob man in Germany wirklich nicht einmal in Metropolen flächendeckend kostenlose WLAN-Versorgung finden könne. Während Touristen inzwischen mitten im vietnamesischen Dschungel Empfang auf ihren Smartphones haben, hat sich in Deutschlands Hinterland weniger bewegt. Beschäftigt haben stattdessen Diskussionen um Störerhaftung und Verschlüsselungsverbote.

Nicht mal eine flächendeckende Breitbandabdeckung gibt es – vom Glasfasernetz, das deutschlandweit aus mehr Lücken als Netz besteht, ganz zu schweigen. Was das bedeuten kann, erleben wir bei gii gerade am eigenen Leib. Obwohl wir uns mitten in der Hauptstadt befinden, warten wir gemeinsam mit einer Partneragentur seit Wochen auf ein Angebot der Telekom für einen schnellen Glasfaseranschluss. Den benötigen wir für einen einfacheren Austausch umfangreicher Grafik- und Multimedia-Daten mit unseren Kunden. Wenn es schon hier nicht klappt, wie ergeht es da Firmen, die auf dem Land angesiedelt sind? Ein mir bekanntes Unternehmen spielte hier wie viele andere unfreiwillig Versuchskaninchen: Nach Umzug in ein neues Gewerbegebiet nahe Osnabrück stellte sich heraus, dass ein stabiler Internetanschluss mit halbwegs akzeptabler Übertragungsrate offenbar nicht zur gewerblichen Flächenerschließung zählte. Der Betrieb musste mit anderen Betroffenen erst einmal in eine eigene Satellitenanlage investieren, um sein Geschäft verlässlich fortführen zu können.

Zu oft müssen Unternehmen heute schon in der innerbetrieblichen Aus- und Weiterbildung geraderücken, was staatliche Schulen versäumen. Nun schlagen sie sich außerdem mit den dadurch entstandenen Problemen herum, dass Staat und große Versorgungsunternehmen ihre infrastrukturellen Hausaufgaben nicht erledigen. Jüngst erst mahnte der Bundesverband der Deutschen Industrie zum wiederholten Male an, dass der Breitbandausbau keinen Aufschub dulde. Immerhin: Zur Messe in Hannover hat zumindest Brüssel einen Aktionsplan vorgelegt: Der Datenfunk mit 5G soll zum Standard werden. Die EU-Mittel von 50 Milliarden Euro in fünf Jahren, die dafür fließen, sind aber nur ein Anfang. Handwerk lässt sich nicht ohne Werkzeug betreiben, Wachstum nicht ohne Investitionen generieren.

Wenn der deutsche Mittelstand weiter das Rückgrat der Nation bleiben soll, müssen Versäumnisse wirklich flächendeckend aufgeholt werden. Dann gibt es auch ein tatsächlich tragfähiges Fundament für digitale Innovationen made in Germany.

 

Ihr Rüdiger Eikmeier.

PS: Mich interessiert Ihre Meinung dazu, schreiben Sie sie mir doch einfach an: r_eikmeier@gii.de

Erschienen in Ausgabe: 04/2016