Zelle als Komponente

Porträt

Prof-is – In Zeiten der Krise hat Prof-is seine angestammten Pfade als Elektroplaner verlassen, baut jetzt Roboterzellen und preist sie als Komponente an – wie ein Lager oder ein Band.

20. September 2011

Viele Menschen haben mit 23 noch keinen Schimmer, was sie in ihrem Leben anfangen sollen, Siegfried Müller hat Prof-is gegründet.

»Das war 1995, ganz klassisch, in einer Privatwohnung im vierten Stock. Damals ging es um Softwareentwicklung und Engineering für Maschinen und Anlagen im Steuerungsbereich. Um mehr Bürofläche zu bekommen, sind wir zuerst in ein Reihenhaus umgezogen und dann in ein Mietgebäude der Deutschen Telekom. In diesem Gebäude waren wir zehn Jahre, es gab eine gute Infrastruktur und zunächst auch genügend Platz.«

Irgendwann wurde auch der knapp, denn inzwischen hatte sich Prof-is weiterentwickelt vom reinen Softwareengineering hin zu Elektroplanung und Schaltschrankbau sowie kompletten Lösungen für den Maschinen- und Anlagenbau oder Produktionsbetriebe im elektrotechnischen Bereich.

2008 musste Siegfried Müller aus diesem Gebäude raus, fand aber keine adäquate Alternative mit ausreichend Montagefläche und Büros. Darum reifte der Plan, neu zu bauen. Zum Glück sind in der Großen Kreisstadt Dinkelsbühl die Wege kurz, der Bürgermeister ist voll entscheidungsfähig. »Wir hatten die Baugenehmigung über Nacht – nach nur zwei Stunden Verhandlung am runden Tisch.«

Es stand etwas auf dem Spiel, Müller wollte in Dinkelsbühl bleiben und letztendlich suchte er Räumlichkeiten für zwei Unternehmen. Denn außer bei Prof-is ist er Geschäftsführer bei MB Connect Line. Technisch sind die beiden Unternehmen von Siegfried Müller aber nicht verwandt. »Prof-is beschäftigt sich mit Automatisierung und MB Connect Line mit Fernwartung. Ich bin das einzige Bindeglied.« Also wehen zwei Fahnen vor dem neuen Firmengebäude in Dinkelsbühl.

Synergien nutzen

Im neuen Domizil hat Siegfried Müller den Platz, die Aktivitäten von Prof-is und MB Connect Line auszubauen: Die Roadmap von MB sieht zum Beispiel vor, in Zukunft mehr in IT-Services einzusteigen. »Wir wollen Plugins implementieren, die Features umfassen wie Condition Monitoring oder Langzeitanalysen.«

Die Lösungen von MB sind auch in den Lösungen von Prof-is zu finden. »Wir implementieren grundsätzlich Fernwartung in die Prof-is-Anlagen, können so die Synergien zwischen den beiden Unternehmen nutzen und viel mehr Service bieten.«

Für viele Maschinenbauer sei Fernwartung ein notwendiges Übel. »Aber die Investition hat sich meist schon beim ersten Servicefall rentiert. Ein Umdenken ist aber im Gange.«

Prof-is hat sich mittlerweile zum Systemanbieter entwickelt. »Wir bieten für den elektrotechnischen Bereich alles aus einer Hand«, sagt Siegried Müller. »Und als Ende 2008 auch bei uns der Einbruch kam, fiel der Entschluss, den Kopf nicht in den Sand zu stecken und statt Kurzarbeit die frei gewordenen Kapazitäten in eine eigene Entwicklung zu stecken.« Die Idee war spannend und für Prof-is völlig neu. »Wir beschlossen, als zweites Standbein eine standardisierte Roboterzelle zu bauen und haben das Projekt in der ›Freizeit‹ realisiert.«

Nische geschaffen

Müller und sein Team hatten dabei eine Reihe von Kriterien zu berücksichtigen. »Wir mussten einen Weg finden, wie wir ein Produkt schaffen, das sich vermarkten lässt und unser Know-how enthält, wir dabei aber nicht in Wettbewerb zu einigen unserer Kunden treten.«

Also musste sich Prof-is eine Nische schaffen. »Es gibt eine Reihe von Systemlieferanten für Vision, Dosieren oder Fügen. Diesen teils kleinen oder mittelständischen Unternehmen fehlt es aber oft an Kapazität und Know-how, ein komplettes Handlingsystem aufzubauen. Warum, so haben wir uns gefragt, können sich diese Unternehmen nicht einfach eine Roboterzelle kaufen wie ein Stück Förderband oder ein Gleitlager, das heißt wie eine ganz normale Komponente.«

Der Kunde sucht also im Katalog die passende Roboterzelle aus, in verschiedenen Größen und Formen, fix und fertig, aber ohne Applikation. Die Arbeitsfläche der Zelle ist leer. »Da hinein kann der Kunde sein eigenes Know-how einbinden. Wir bieten ihm den Rahmen mit einem gewissen optischen Anspruch und ausreichender Modularität.« Die Zelle ist komplett fertig, mit Elektrik, Schutztüren und Sicherheitstechnik. »Der Kunde kann die Zelle einschalten, die Grundfunktionen sind drin«, ergänzt der Geschäftsführer.

Als Zulieferer für den Roboter hat er sich auf Fanuc festgelegt. »Deren Roboter sind für unsere Zelle sehr gut geeignet. Die Parameter wie Traglast oder Geschwindigkeit stimmen und sie lassen sich auch über Kopf bestens installieren. Auf diese Weise ist der Arbeitsraum frei und die Zelle schnell umgerüstet.«

Der nächste Schritt ist, eine Roboterzelle für eine bestimmte Anwendung zu bauen. »Die Produktlaufzeit nimmt ab, sie beträgt zum Beispiel im Automotivesektor nicht mehr acht sondern nur noch drei Jahre«, erklärt Siegfried Müller. »Der Kunde muss die Maschine viel schneller abschreiben können, und mit unserer Zelle kann er die Arbeitsfläche komplett austauschen und so sehr schnell und kostengünstig auf eine neue Baureihe oder ein neues Produkt umstellen.«

Er investiert noch einmal 30 Prozent der Gesamtkosten und kann die Zelle weiter nutzen – einfach Strom ab, Luft ab und in die nächste Anlage integriert. »Wir bieten dem Kunden also einen berechenbaren Investitionsvorteil. Und da wir keine Applikationen anbieten, sind wir nicht im Wettbewerb.«

Der Anwender bekommt auf diese Weise eine günstige, sofort einsetzbare Lösung und seine Konstrukteure haben wesentlich weniger Aufwand. »Solche Subsysteme, die eine komplexere Art der Komponente darstellen, liegen im Trend.«

Prof-is als Anbieter erhofft sich davon einen Marktvorteil. Denn das Unternehmen hat nur ein- mal Engineeringaufwand betrieben und kann diesen jetzt auf viele Zellen multiplizieren.

Die Markteinführung der Zelle PL 1200 war Ende 2010, Müller akquiriert kräftig und die dritte Zelle ist im Bau. »Der Zuspruch ist da. Allerdings nehmen uns viele noch nicht als Zellenbauer wahr, der Markt kennt uns nicht und darum müssen wir eine ganz andere Arbeit leisten. Es kommt aber viel Feedback und wir sind so in der Lage, jede Zelle weiter zu verbessern.«

Auf Einen Blick:

Prof-is Professionelle Industrie Software GmbH

- Gegründet 1995 in Dinkelsbühl von Siegfried Müller.

- Komplette Lösungen und technologieübergreifende Kompetenz bei der Projektierung, Planung, Programmierung, Inbetriebnahme und Wartung.

- Bei Prof-is und MB Connect Line zusammen arbeiten derzeit 16 Mitarbeiter, weiterer Standort in Ilsfeld mit dem Vertrieb.

Erschienen in Ausgabe: 07/2011