»Zusammen sind wir kreativ«

Modellieren – Wie wird CoCreate integriert? Über Strategien und neue Ideen des parametrischen und expliziten Modellierens spricht Justin Teague, Senior Vice President Worldwide Sales bei PTC.

12. August 2008

Dass PTC, der Erfinder des parametrischen Modellierens, CoCreate, den Erfinder des expliziten Modellierens, übernommen hat, war eine große Überraschung in der Industrie. Welche Strategie steckt dahinter?

Justin Teague: Jeder Modellierungsansatz hat seine eigenen Vorzüge. Mit dieser Übernahme hat PTC etwas Eigenartiges erreicht, nämlich, dass PTC der einzige Anbieter der Fertigungsindustrie ist, der den Kunden die freie Auswahl aus den für ihre Anforderungen am besten geeigneten Modellierungslösungen anbieten kann. PTC ist mit der CoCreate-Produktfamilie als Alternative zum parametrischen Modellieren gut aufgestellt, um die Trends und Anforderungen in der Produktkonstruktion auch zukünftig bedienen zu können.

Wieviele Kunden nutzen CoCreate in der Konstruktion?

Die CoCreate-Produktfamilie wird derzeit von weltweit über 5.000 Kunden in der Konstruktion eingesetzt. Neben vielen kleineren und mittelständischen Unternehmen befinden sich darunter auch namhafte Firmen wie Agilent, Bystronic, Canon, Emco, Molex, Fujitsu, HP, Herrenknecht, Festool, Matsushita Electric, Kellenberger, NEC, Olympus, Phoenix Contact und Seiko Epson. Diesen Kunden wird zukünftig ein erweitertes Produktportfolio zur Verfügung stehen.

Das Produktportfolio soll erweitert werden. Wie sieht diese Erweiterung aus und welche Integrationspläne hat PTC für CoCreate-Produkte?

Mit der Übernahme von CoCreate wird PTC sein Produktportfolio weiter ausbauen und das umfassendste Angebot an Modellierungstechniken in der CAD-Branche anbieten. PTC plant zudem die Integration der CoCreate-Modellierungslösungen in das PTC-Produktentwicklungssystem, um den Kunden der CoCreate-Produktfamilie zusätzliche Funktionen für die Produktentwicklung anbieten zu können. Dazu gehören Konstruktionsberechnung, technische Dokumentation, Visualisierung, CAM sowie das unternehmensweite Daten- und Prozessmanagement. PTC hat sich die langfristige Weiterentwicklung und Pflege der CoCreate-Produkte ausdrücklich zum Ziel gesetzt. Sämtliche CoCreate-Lösungen werden von PTC auch weiterhin als eigenständige Produkte angeboten.

Die bis jetzt stärkste Version, CoCreate 2008, wurde unter dem PTC-Dach herausgebracht. Was sagen die Kunden dazu?

In den vergangenen sechs Monaten seit der Übernahme von CoCreate haben wir unsere Anstrengungen darauf ausgerichtet, den Wert der Investition unseren Kunden in die beste explizite CAD-Software am Markt noch zu steigern. Die Freigabe der Version CoCreate 2008 demonstriert unseren Willen und unser Engagement, die Produkte weiterzuentwickeln. Wir sind stolz darauf, dass CoCreate 2008 termingerecht freigegeben wurde und mit neuen bzw. verbesserten Funktionen zur Verfügung steht.

Die Übernahme und die laufenden Investitionen in die CoCreate-Produktfamilie durch PTC wurden von unseren Kunden sehr positiv aufgenommen. Das zeigt sich nicht zuletzt am erfreulich starken Wachstum der CoCreate-Produktfamilie in den letzten Monaten. Wir sehen das als deutliches Indiz, dass die Kunden die Vorteile der Übernahme und unserer Produktentwicklungsstrategie sehr wohl zu schätzen wissen.

Wie sehen denn die Pläne für weitere Versionen aus?

In den vergangenen sechs Monaten gab es intensive Kontakte mit CoCreate-Kunden, um ein besseres Verständnis für die Anforderungen an die Version CoCreate 2009 zu gewinnen. Wir haben die Roadmap für die CoCreate-Produktfamilie bei unserer jährlichen PTC-Anwenderkonferenz in Long Beach, Kalifornien, vorgestellt. Diese Roadmap bedeutet erhebliche Investitionen in die CoCreate-Produktfamilie.

Um unsere Führungsposition bei der expliziten Modellierung weiter auszubauen, realisiert das F&E-Team bereits die ersten Prototypen erweiterter Ansätze für die Interaktion mit Modellen. Wir bewerten momentan auch die verschiedenen Optionen, wie man die derzeitige Funktionalität von CoCreate Model Manager, dem Datenmanagement-Modul für Arbeitsgruppen von CoCreate Modeling und CoCreate Drafting, weiter verbessern kann. Bei PTC ist man sich bewusst, dass die Kunden von CoCreate Unterstützung für ausgereifte Konzepte für das ›Workin-process‹ Management (WIP) benötigen – unser F&E-Team hat daher bereits begonnen, diese fortschrittlichen Funktionen zu entwickeln.

Siemens PLM verspricht mit der Synchronous-Technologie den Durchbruch in der digitalen Produktentwicklung. Was sagt PTC dazu?

Wir bei PTC denken nicht, dass es sich dabei um einen neuen Trend oder einen Paradigmenwechsel handelt. Die Konzepte, die Siemens PLM vorstellt, gehen Hand in Hand mit der logischen Evolution von 3D-CAD. Alle 3D-CAD-Anbieter arbeiten daran, es den Anwendern einfacher zu machen, flexibel sein zu können. Diese Flexibilität wird insbesondere beim Arbeiten mit importierten 3D-Daten aus anderen Systemen gewünscht, aber eben auch bei der sehr schnellen Umsetzung von nicht vorhersehbaren Modelländerungen.

Eine Technologie für alles hat zumindest einen gewissen Charme. Wird es in Zukunft auch bei Ihnen eine Zusammenführung beider Technologien geben?

Als führender Anbieter für beide Modellierungstechniken, also für das parametrische Modellieren mit Pro/Engineer sowie für das explizite Modellieren mit CoCreate Modeling, hat PTC einen tiefen Einblick in beide Ansätze. Ein System, das versucht alle Vorteile des expliziten Modellierens und des parametrischen Modellierens in sich zu vereinen, verwässert unserer Ansicht nach die Vorteile des jeweiligen Modellierungsansatzes. Es handelt sich um fundamental unterschiedliche Ansätze. Wir werden in Zukunft sowohl Pro/Engineer als auch CoCreate Modeling weiterentwickeln, um den Anforderungen in den jeweiligen Märkten Rechnung zu tragen.

In welche Richtung entwickeln Sie Pro7Engineer und CoCreate Modeling weiter?

Die Produktstrategie für Pro/Engineer sieht unter anderem vor, das System zu einem immer noch schnelleren und flexibleren Modellierungs-Werkzeug zu machen. Bereits seit mehreren Releases hält Pro/Engineer verschiedene Werkzeuge vor, die eine intelligente Neuerstellung von Modellen ebenso ermöglichen wie Design-Modifikationen mit Historie oder ohne Historie, sprich explizite Modifikationen. Dabei wird das parametrische System aber nicht zum expliziten CAD-System, sondern es handelt sich um begrenzte Erweiterungen für spezielle Fälle. Wir werden das Know-how des F&E-Teams von CoCreate nutzen, um diese Funktionalitäten robuster und noch einfacher in der Handhabung zu machen. Ebenso sieht unsere Produktstrategie für die CoCreate-Produktfamilie vor, zum Beispiel die Definition und Nutzung von Relationen zu erweitern, um beispielsweise Animationen durchführen zu können. Aber auch hier gilt: Der grundlegende Ansatz wird im expliziten Paradigma verankert bleiben.

Die Fragen stellte Peter Schäfer

VITA

- Justin Teague ist als Senior Vice President für den weltweiten CoCreate-Vertrieb bei PTC verantwortlich. Er ist zuständig für die Vermarktungsstrategie, die Umsatzziele des Unternehmens sowie die Zufriedenheit der CoCreate-Kunden weltweit.

- Justin Teague arbeitet seit elf Jahren für PTC und hatte mehrere Positionen innerhalb des Unternehmens inne. Unter anderem war er als Vice President Sales Operations und Vice President Sales UK & Ireland tätig. Vor Übernahme seines jetzigen Aufgabenbereichs war Teague an der Entwicklung von Übernahmestrategien bei PTC beteiligt.

Erschienen in Ausgabe: 05/2008